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Spurensuche - Dem Schicksal der „Henn's Revenge“ auf den Grund gegangen

Das Flugzeugwrack im Glasowsee


In Berlin und Umland liegen mehrere deutsche, amerikanische, britische und russische Flugzeugwracks auf dem Grund der Seen. Weitere Flugzeugwracks warten darauf, dass sie entdeckt und identifiziert werden.



Vor zwei Jahren fanden wir im Großen Glasowsee nur wenige Meter unter der Oberfläche die Überreste eines Flugzeugs. Es handelte sich eigentlich um eine Ansammlung von Metallresten, die größtenteils im Schlamm versunken und von Schlick bedeckt waren. Beim ersten Tauchgang glaubte ich, den Randbogen einer Tragfläche eines Jagdflugzeugs erkennen zu können. Doch die Klappen waren irgendwie überdimensioniert. Sie passten einfach nicht zu einem Jagdflugzeug, sondern zu einer deutlich größeren Maschine. Zu Hause verglich ich anhand von Fotos und Zeichnungen die Flügelspitzen möglicher Flugzeugmuster. Schnell wurde klar, dass wir keine Tragfläche eines Jägers, sondern Teile des Höhenruders eines B-17 Bombers gefunden hatten. Der als „Fliegende Festung“ bekannte Flugzeugtyp bildete das Rückgrat der US-Bomberverbände im Zweiten Weltkrieg. Die B-17 war dafür bekannt, trotz schwerer Schäden flugfähig zu sein und ihre Besatzung aus den Einsätzen zurückzubringen.


Um welche Maschine handelte es sich? Wir fanden heraus, dass in der Gegend der Schorfheide am 10. April 1945 mehrere B-17 Bomber abgeschossen wurden. An jenem Tag griff die U.S. Air Force mit einer Streitmacht von mehreren Hundert „Fliegenden Festungen“ Oranienburg an. Unter den Maschinen befand sich auch die B-17G „Henn´s Revange“ (Seriennummer 44-8427) auf ihrem 23. Kampfeinsatz. Sie stand unter dem Kommando von Lt. Robert I. Murray. Die Maschine wurde von seiner Besatzung „Henn´s Revenge“ getauft, in Erinnerung an einen Offizier namens Henn, der bei einem früheren Kampfeinsatz schwer verwundet wurde.


Die 303. Bombergruppe war die Führungsgruppe, gefolgt von der 379. Bombergruppe. Gegen 14.30 Uhr wurde die erste Angriffswelle geflogen. Knapp eine halbe Stunde später erreichte der zweite Bomberverband Oranienburg. Die Luftschutz-Ereignismeldung vermerkte: „Oranienburg/Abwurf von Spreng- und Brandbomben. Betroffen wurden vor allem: Hauptfahrzeugamt Waffen-SS, Klinkerwerke, Versuchsanstalt für Höhenflüge, (Heinkel-) Werk 2, eine Halle, Tankstelle, Rollfeld und einige Flugzeuge zerstört, Bahnstrecke Berlin-Stralsund und Neustadt, Sachsenhausen: 100 Sprengbomben, 2000 Stabbrandbomben, 50 Flüssiggasbrandbomben, Personenverluste“.


Die amerikanischen Bomber befanden sich gerade auf dem nordöstlich gerichteten Abflug, als die Formation von deutschen Me-262 Düsenjägern angegriffen wurde. Fünf Bomber und ein Jagdflugzeug vom Typ P-51 Mustang wurden abgeschossen. Ein Zeitzeuge berichtete, dass kurz nach dem Absturz des amerikanischen Jägers ein amerikanischer Bomber abgestürzt sei. Er habe beobachtet, wie mehrere Besatzungsmitglieder das Flugzeug verlassen haben, bevor der Bomber in östlicher Richtung hinter einer Waldkante verschwand. Später will er gehört haben, dass dieser Bomber bei Groß Schönebeck in den Glasowsee gestürzt ist. Unsere Recherchen ergaben, dass es sich bei dem Bomber wahrscheinlich um die „Henn´s Revenge“ handelte.



In seinen Memoarien rühmt sich der deutsche Pilot und Ritterkreuzträger Walter Schuck vom Jagdgeschwader 7, die „Henn´s Revenge“ abgeschossen zu haben. Auch in der Literatur wird ihm der Abschuss zuerkannt. Allerdings gibt es auch Zweifel an seinen Berichten.


Einziger Überlebender war der Bordmechaniker Vito Brunale. Seinem Bericht zufolge wurde die Maschine an der rechten Tragfläche getroffen und verlor rapide an Höhe, woraufhin Bombenschütze Carl Hammarlund und Navigator Harold Smith die Maschine durch den Notausstieg verließen. Brunale wollte auf demselben Weg nach draußen, aber seine Schuhe verfingen sich in der Struktur der Öffnung. Dann explodierte der Bomber und Brunale glitt an seinem Fallschirm nach unten. Er berichtete, dass er von einer wütenden Menge Zivilisten in Empfang genommen wurde und Soldaten ihn mit Waffengewalt davor bewahrten, vom wütenden Mob auf der Stelle gelyncht zu werden. Er wurde im Mai 1945 von den Alliierten in einem Schweriner Lazarett befreit. Hammarlund soll nördlich von Liebenwalde mit dem Fallschirm gelandet und nach seiner Gefangennahme bei einem Fluchtversuch erschossen worden sein. Navigator Smith wurde ebenfalls getötet.


In den Jahren 1945 bis 1947 wurden am Ufer des Glasowsees die sterblichen Überreste von vier Besatzungsmitgliedern gefunden. Sie wurden zunächst auf dem Friedhof in Groß Schönebeck bestattet und im August 1947 auf einen amerikanischen Soldatenfriedhof nach Belgien überführt. Bei einer Untersuchung im Jahre 1948 konnten drei der vier Toten eindeutig identifiziert werden; der Vierte konnte erst 2014 durch eine DNA-Analyse identifiziert werden. 1951 wurden unweit des Glasowsees die sterblichen Überreste des Co-Piloten Lawrence L. Fries jr. gefunden. Vom Kommandanten Robert I. Murray fehlt bis heute jede Spur. Es wird vermutet, dass sich dessen sterbliche Überreste noch heute im See befinden.


Text/Fotos: Roger Blum und Jan Seifert


Weiterführende Literatur:

„Die letzten Kriegsrätsel“ in Märkische Oderzeitung (MOZ) vom 28.6.2012

„Der Tote aus Henn´s Revenge“ in Prignitzer vom 5.9.2014

„Die B-17 im Glasowsee“ unter www.luftkrieg-oberhavel.de

„Der einzige Überlebende der Henn´s Revenge“ unter www.luftkrieg-oberhavel.de

Walter Schuck, „Abschuss ! – Erinnerungen an die Luftkämpfe bei den Jagdgeschwadern 5 und 7“, Helios Verlags- und Buchvertriebsgesellschaft, S. 210 ff.



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