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Der letzte Flug der Fords Folly

Aktualisiert: 18. Dez. 2023

Das Flugzeugwrack im Glindower See


Am 6. März 1944 flogen die Amerikaner ihren ersten großen Tagesangriff auf Berlin. Gegen Mittag erreichten mehrere Hundert Maschinen vom Typ B-17 „Flying Fortress“ und B-24 „Liberator“ die Hauptstadt. Wie Schwärme silberner Vögel am blauen Himmel zogen die alliierten Bomber ihre Bahn. Mit diesem Angriff der in Großbritannien stationierten 8. US-Luftflotte begann ein neues Kapitel der Kriegsgeschichte. Seit diesem Tag gehörten Luftangriffe rund um die Uhr zum Berliner Kriegsalltag. Nachts flogen die Engländer, tagsüber die Amerikaner. Ziel der Angriffe war die Brechung von Moral und Kriegswillen der deutschen Bevölkerung.


Unter den Bombern, die am 6. März 1944 Richtung Berlin flogen, befand sich auch die B-24H der 754th Bomber Squadron, 458th Bombergruppe, mit der Seriennummer 42-52515. Der schwere Langstrecken-Bomber stand unter dem Kommando des jungen Guy Clifford Rogers. Die Maschine wurde von seiner Besatzung „Ford´s Folly“ getauft. Die zehnköpfige Besatzung bestand aus 2Lt. Guy Clifford Rogers (Pilot), 2Lt. Francis O. Proteau (Co-Pilot), 2Lt. John E. Hightower (Navigator), Sgt. Harry Goldstein (Schütze), F/O Joseph S. Root Jr. (Bombenschütze), S/Sgt. Leroy Smith (Funker) sowie die Schützen S/Sgt. Raymond C. Fiebiger, Sgt. Marvin J. Lademan, Sgt. Virgil O. Morrow und Sgt. Marvin T. Wilson. Für die meisten Besatzungsmitglieder war die Mission nach Berlin ihr erster Einsatz. Es sollte auch ihr letzter sein.


Als die Bombergruppe gegen 13.45 Uhr die Region um Potsdam erreichte, wurden sie von schwerem Flakfeuer und heftigen Gegenangriffen deutscher Jäger empfangen. Die „Ford´s Folly“ wurde von der Flak schwer getroffen. Es entzündete sich ein Treibstofftank und das Flugzeug explodierte in der Luft. Die Maschine verlor schnell an Höhe und stürzte dann südwestlich von Berlin in den mit einer dünnen Eisschicht bedeckten Glindower See bei Petzow. Pilot Rogers und Copilot Proteau konnten zuvor abspringen. Rogers landete schwer verletzt auf einem Acker bei Petzow. Dort wurde er aufgegriffen und ins Luftwaffenlazarett Berlin-Reinickendorf gebracht, wo er bei einer Notoperation ein Bein verlor. Nach seiner Genesung im Krankenhaus Obermaßfeld in Thüringen (Stalag 9-C) kehrte er noch vor Kriegsende im Austausch gegen deutsche Piloten nach Amerika zurück. Auch Proteau wurde gefangen genommen. Er verbrachte den Rest des Krieges in der Stalag Luft I. an der Ostsee.


Die anderen acht Besatzungsmitglieder stürzten mit dem brennenden Flugzeug in den Glindower See. Sechs Leichen der Besatzungsmitglieder wurden am Ufer gefunden. Drei von ihnen wurden auf dem Friedhof Petzow und drei in Werder beigesetzt, ehe die sterblichen Überreste 1950 auf einen Alliiertenfriedhof nach Belgien umgebettet wurden. Zwei Besatzungsmitglieder – unter ihnen Sgt. Harry Goldstein, der sich freiwillig für die Mission gemeldet hatte – gelten als vermisst.


Glindower See


Im Herbst 1999 wurde das Wrack der „Ford´s Folly“ von einem Potsdamer Sporttaucher auf dem Grund des Glindower Sees entdeckt. Es handelte sich um ein aus dem Schlamm herausragendes Propellerblatt der Liberator. Das störende Fischereihindernis sollte geborgen werden. Die anschließende Bergung erfolgte durch Taucher des Deutschen Unterwasserclubs Berlin e.V. (DUC) in Zusammenarbeit mit dem Deutschen Technikmuseum. Im Zuge der Bergungsarbeiten wurden noch zwei weitere der insgesamt vier Pratt & Whitney-14-Zylinder-Sternmotoren des Bombers aus dem Schlamm freigepumpt. Sie wurden auf das Arbeitsfloß des DUC gehoben und dann im Uferbereich abgelegt. Die drei Motoren mit je ca. 800 kg Gewicht wurden von einem Lkw-Kran aufgenommen und verladen. Der erste Motor wurde restauriert und im Zweirad-Museum Werder ausgestellt, welches heute leider nicht mehr existiert. Die beiden anderen Motoren wurden ins Deutsche Technik Museum gebracht. Der vierte Motor ist weiterhin verschollen und ruht wahrscheinlich noch tief im Schlamm des Glienicker Sees.

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