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Schnorchelausflug zu den Manatees

Aktualisiert: 6. Jan.

Das knuffigste Abenteuer in Florida


Wer schon einmal mit Seehunden, Kegelrobben, Meerottern oder anderen Meeressäugern getaucht ist weiß, dass eine solche Begegnung ein völlig anderes Erlebnis darstellt, als Begegnungen mit Großfisch wie Walhai, Manta oder Hai: Irgendwie ist es viel emotionaler, viel intensiver. Mit ihren großen Kulleraugen bauen die putzigen Tiere schnell eine Beziehung auf. Auf meiner Reise nach Florida hatte ich nun die einmalige Gelegenheit auf die bis zu viereinhalb Meter langen und fünfhundert Kilogramm schweren Manatees zu treffen und mit diesen friedfertigen Riesen in ihrem natürlichen Lebensraum zu schnorcheln. Ein unvergessliches Erlebnis.





Unser kleines Boot tuckert gemächlich durch das Naturschutzgebiet am Crystal River im Nordwesten Floridas. Am Ufer ein grünes Dickicht aus Palmen und Schilf, dazwischen weitläufige Grundstücke mit millimetergenau geschnittenen Rasen und luxuriösen Ferienhäusern und Villen. Auch John Travolta hat sich hier niedergelassen. Hier im flachen Wasser an der Golfküste und in den Flüssen der Kings Bay leben die großen, schwerfällig aussehenden Manatis. Die bedrohten Tiere mit dem stromlinienförmigen Körper und der flachen Schwanzflosse sehen aus wie eine Mischung aus Robbe, Wal und Elefant. Mit letzterem sind sie sogar verwandt. "Gentle Giants" werden sie auch genannt: sanfte Riesen.



Die harmlosen, neugierigen Pflanzenfresser gehören zur Ordnung der Seekühe. Über die Jahrmillionen existierten 35 Arten, heute sind es noch vier Arten. Zum einen zählt dazu die einzige heute noch erhaltene Art der Gabelschwanzseekühe - der Dugong (Dugong dugon). Die faszinierenden Tiere sind im Roten Meer, Indischen Ozean und Westpazifik beheimatet. Deutschen Tauchern sind sie vor allem aus Ägypten bekannt, wo sie in der Region um Marsa Alam regelmäßig gesichtet werden. Die drei anderen heute noch lebenden Seekuharten zählen zur Familie der Rundschwanzseekühe. Obwohl sie sich alle stark ähneln werden sie nach der Weltregion unterschieden, in der sie leben. Im Amazonasgebiet kommen die Amazonas-Manatis (Trichechus inunguis) vor, an der Westküste Afrikas die Afrikanischen Manati (Trichechus senegalensis) und zwischen Florida und Brasilien leben Karibik-Manatis (Trichechus manatus).


Die hier in Crystal River vorkommenden Seekühe gehören zu einer Unterart der Karibik-Manatis. Trichechus manatus latirostris, Florida-Seekühe. Zweieinhalb bis viereinhalb Meter lang und fünfhundert Kilogramm schwer können die Tiere werden. Sie sind an allen Küsten und in fast sämtlichen Flüssen Floridas zu Hause und haben keinen einzigen Fressfeind zu fürchten. Nur die Schiffspropeller der Motorboote und Vergiftungen durch stellen für sie eine Bedrohung dar.



Sichtungen in freier Natur sind eher selten und meist unspektakulär. Für wenige Sekunden erspäht man eine graue, beharrte Schnauze an der Wasseroberfläche, hört vielleicht noch ein kurzes röchelndes Atemholen und das war's. Nicht so am Crystal River. Der Fluss ist berühmt dafür, dass man hier mit Manatis schwimmen kann.


Natürlich wollte ich mir das nicht entgehen lassen. Ausgangspunkt ist ein kleiner Yachthafen im gleichnamigen Ort, von dem täglich ein Dutzend Ponton-Boote verschiedenster Anbieter zu den sanften Riesen ablegen. Ich hatte vorab den Touranbieter "Captain Mike's Swimming with the Manatees" kontaktiert, der Touren ab 65 US-Dollar anbietet, und gefragt, ob auch jetzt im Hochsommer die Möglichkeit besteht, Manatis zu sehen.


Crystal River liegt mitten im Citrus County, dem kleinsten Landkreis Floridas. Der Ort wird auch "Home of Manatee" genannt - er ist einer der weltweit einzigen Orten, an denen mit Mantis geschnorchelt werden darf


Die beste Zeit zum Beobachten der Manatis sind die Wintermonate. Wenn die Temperaturen fallen und sich die offenen Gewässer abkühlen, zieht es die Meeressäuger von November bis März in die Küstenkanäle von Crystal River. Der elf Kilometer lange Fluss am Golf von Mexiko entspringt einer Reihe warmer Quellen, aus denen das ganze Jahr über 22 Grad Celsius warmes Süßwasser nach oben sprudelt. Tausende Liter täglich. Das ist das Ziel der Manatis. Gegen Ende Oktober finden sich die ersten Tiere ein, bis Januar werden es zwischen 400 und 600 Seekühe. Einige der Tiere sind rastlose Wanderer, die tausende Meilen anreisen. Andere Tiere sind ausgesprochen ortstreu. Es gibt eine kleine Population von etwa vierzig Tieren, die ganzjährig in diesem Gebiet verbleiben. Ein Glück für mich, denn es ist Juli.


Bevor es losgeht, werden wir nochmal per Video-Crashkurs in die Verhaltensregeln eingewiesen. Wichtigste Regel ist, dass die Tiere nicht berührt oder gar mit Kameras verfolgt werden dürfen. "Schwimme nicht zum Manatee, die Seekuh schwimmt zu dir." Schlafende Manatees oder säugende Muttertiere dürfen nicht gestört werden. Weiterhin soll ohne Beinschläge geschwommen werden. Die Füße liegen dabei ruhig im Wasser, geschwommen wird nur mit kleinen, ruhigen Paddelbewegungen mit den geschlossenen Händen - die sogenannten Manatee-Hands. Denn Manatis schwimmen nur nah ran, wenn ihre Besucher ruhig und gelassen im Wasser sind. Gerätetauchen ist nicht möglich. Das hat zwei Gründe: Zum einen würden die Luftblasen die Manatis erschrecken und vertreiben, zum anderen ist das Wasser nur ein bis zwei Meter tief. Schnorcheln ist die beste Art, die Tiere zu beobachten.


Mit gedrosseltem Motor fahren wir den Fluss hinauf, der sich auf Höhe seiner Quellen in ein unüberschaubares Netz künstlicher Kanäle verfranst. An den Ufern liegen Villa an Villa, Pool an Pool. Wir kommen am Haus von John Travolta vorbei und sehen kleine Flüsse und Kanäle, die sich zwischen Grundstücke mit englischen Rasen und akkurat angelegten Hecken hindurch schlängeln. Wir befinden uns im Manatee-Revier. Wir scannen die spiegelglatte Wasseroberfläche nach den sanftmütigen Riesen ab, aber keine Seekuh ist zu sehen.


Vor zehn Jahren gehörten Manatis noch zu einer aussterbenden Spezies. Aufgrund von Wasserverschmutzung, Urbanisierung des Menschen in der Region und immer mehr menschlichen Kontakten war die Anzahl der Tiere auf wenige hundert Tiere zurückgegangen. Heute leben in den Küstengewässern Floridas wieder rund 6250 Manatis und es werden jedes Jahr mehr. Im letzten Jahr (2017) hat man sie von der Roten Liste der vom Aussterben bedrohten Tierarten heruntergenommen.



Die überwiegende Zeit des Tages verbringen Manatis mit Grasen oder Schlafen in einer Wassertiefe von ein bis drei Metern. Im Gegensatz zu den anderen wendigen, schnellen Meeressäugern wie Delfinen sind sie träge Schwimmer. Denn das ständige Bewegen der Flossen würde den Tieren mehr Energie kosten, als sie durch Pflanzennahrung zu sich nehmen können. So gleiten die drallen Tiere wie in Schwerelosigkeit durch das Wasser. Alle vier Minuten müssen sie auftauchen und Luft holen. Der beste Zeitpunkt sie zu lokalisieren.


Plötzlich eine Bewegung an der Wasseroberfläche. Es handelt sich aber nicht um eine Seekuh, sondern um eine Schildkröte. Dann endlich: in einiger Entfernung sehe ich die erste Seekuh. Wie ein Wal blies das Tier die Luft aus und tauchte wieder ab.


Captain Mike steuert das Boot zu der Stelle, an der sie Seekuh aufgetaucht ist. Inzwischen quetschen sich die Schnorchler in ihre dicken 7-mm-Neoprenanzüge. Die halten warm und sorgen außerdem dafür, dass die Schwimmer auf dem Wasser treiben, ohne sich groß bewegen zu müssen. Sicherheitshalber werden ihnen noch neonfarbene Poolnudeln unter den Bauch gelegt, um ruhiger im Wasser liegen zu können. Oder überhaupt im Wasser liegen zu können. Ich schnappe mir meine Kamera und gleite am Heck leise in den Crystal River und schwimme in die Richtung, in der ich das Tier gesehen hatte. Das Wasser ist braun und trübe und ich konnte kaum meine Hand vor Augen sehen. Auch von der Seekuh war nichts mehr zu sehen. Nach zehn Minuten brechen wir die Suche ab und schwimmen zurück zum Boot. Irgendwie rechnete ich schon damit, kein Manatee zu Gesicht zu bekommen. Ich war ja vorgewarnt, dass die Tiere im Sommer das Gebiet in Richtung Karibik verlassen. Und auf eine der etwa vierzig verbleibende Tiere in den zahlreichen Kanälen und Nebenarmen zu treffen, ist natürlich nicht sicherzustellen.



Also tuckerten wir weiter. Wir erhielten einen Tipp von einem anderen Kapitän und steuerten auf die genannte Stelle zu. Ich gehe als erster von Bord, Captain Mike weist mir vom Boot aus den Weg. Mit den Manatee-Hands paddle ich langsam dorthin. Das Wasser ist sehr trüb, so richtig erkennen kann ich noch nichts. Normalerweise soll hier ja kristallklares Wasser sein, in den Sommermonaten konnte ich davon aber nichts feststellen. Plötzlich sehe ich sie vor mir: meine erste Seekuh. Im ersten Augenblick in Gesellschaft des riesigen Meeressäugers wird mir etwas mulmig. Ein dicker Brocken, es ist fast so, als komme ein Elefant auf mich zu. Gar nicht mal so abwegig, denn Elefanten sind auch die nächsten Verwandten der Manatis. So haben Manatees auch noch Fingernägel an ihren Flossen und können - anders als Wale und Delfine - ihren Kopf auch zu Seite drehen.


Ich habe gar keine Zeit, meine Kamera in Position zu bringen. Wir befinden uns auf Kollisionskurs und die dicke Seekuh taucht nur wenige Zentimeter vor mir ab und unter mich durch. Ich sehe noch den bulligen Körper und Schwanz und weg war sie. Mike rief noch "20 feet ahead", doch ich konnte die Seekuh in der braunen Brühe nicht mehr finden. Und das, obwohl Manatis sich nur ein bis zwei Kilometer die Stunde fortbewegen - wenn sie schnell sind. Normalerweise besteht ihr Tag nur aus Ausrufen, Schafen und Fressen.


In der Nähe entdecken wir eine zweite Seekuh. Diese ist viel gelassener und lässt sich nicht bei ihrem Mittagsmahl stören. Seelenruhig grast sie den schlickigen Boden ab. Ab und zu kommt sie dabei auf Kuschelkurs und stupst mich neugierig an. Längst hat sich die Furcht gelegt und in Faszination verwandelt. Ich sehe die dicht behaarte Manati-Schnauze. Es sind Tasthaare, vergleichbar den Schnurrhaaren einer Katze. Die dralle Grazie ist unglaublich neugierig und ungewöhnlich zutraulich. Vorsätzliches Streicheln kommt für mich nicht in Frage, aber wehren gegen die neugierigen Kontakte sollte man sich auch nicht. So ist es, wie im Video-Crashkurs gebeten: Am besten ist es, wenn man einfach ruhig bleibt und die Tiere gewähren lässt...



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