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Unter dem Eis der Antarktis

Dr. Martin Rauschert, geboren 1934 in Berlin, gehörte zu den ersten und aktivsten Unterwasserfotografen der DDR. Zunächst arbeitete er von 1955 bis 1961 als Pädagogischer Mitarbeiter und Lehrer. In dieser Zeit begann er mit dem Bau seiner ersten Unterwasserkameras. Anfang der 1960er Jahre wechselte Martin Rauschert an die Akademie der Wissenschaften der DDR, wo er sich als Sekretär der Arbeitsgemeinschaft für Unterwasserforschung erfolgreich beworben hatte. So konnte er sein Hobby zum Beruf machen. An der Akademie der Wissenschaften war Dr. Rauschert in den Instituten für Physikalische Hydrographie, Meereskunde sowie Alte Geschichte und Archäologie. In den 1960er und 1970er Jahren leitete er die unterwasserarchäologischen Arbeiten im Oberuckersee und am Breiten Luzin. 1974 nahm er als Unterwasserfotograf am Unterwasser-Langzeitexperiment "TSCHERNOMOR '74" in Bulgarien teil. Später widmete er sich voll und ganz der Polarbiologie.

Zweimal überwinterte Martin Rauschert in der Antarktis. In der sowjetischen Antarktisstation Bellingshausen umfassten seine Arbeitsaufgaben Faunastik, Benthoaufsammlungen (Erforschung der Lebewesen unmittelbar am Meeresboden), Taucharbeiten, ornithologische Beobachtungen sowie Fotodokumentationen. Seine Antarktisaufenthalt begleitete er mit der Kamera. Es entstand eine zehnteilige Fernsehfolge über die erste Antarktisüberwinterung (1980-1982) und eine fünfteilige Dokumentation über die zweite Überwinterung (1984-1986). Nach der Wende arbeitete er am Alfred-Wegener-Institut des Helmholtz-Zentrums für Polar- und Meeresforschung (AWI).


Seeleopard


Aus seinem Tagebuch:


Donnerstag, 04.06.: Es ist weniger Eis angetrieben, als ich vermutete. In Ufernähe liegen einige Meter Eisbrei und in der ganzen Bucht driften Treibeisschollen. Der Wind ist auf 7 m/s abgeflaut und die Temperatur auf minus 7 °C gestiegen. Also auf zum Tauchen! Um 11 Uhr zog ich zusammen mit Hans als Signalgast los.

Es war lausige Eispampe, durch die ich zunächst mühselig watete. Schließlich tauchte ich in das Drifteis und schwamm gemächlich unten den Eisbrocken im flachen Wasser umher.

Hans signalisierte mir wiederholt durch 5 kurze Leinenzüge, ich solle zurückkommen. Ich quälte mich mit dem Kopf durch die Eisbrocken und er wies mich auf einige Krabbenfresser-Robben hin, die sich in der Ufernähe umhertrieben. Ich winkte ab, er solle sich keine Sorgen machen und schwamm weiter hinaus.

Immer mehr Leine wickelte sich ab. Zunächst hatte ich mich an Nahaufnahmen von Amphipoden versucht, dann fand ich zunehmend häufig die Riesenasseln Glyptonotus. An einem Seeigel saßen 5 bis 6 von ihnen. Leider konnte ich die Gruppe nicht fotografieren, meinen Einstellknauf hatte ich verloren. Später fand ich einen Algenstrunk voller Glyptonotus und Nemertini. Doch wieder waren nur Nahaufnahmen möglich. In weitem Bogen schwamm ich unter dem Treibeis in 6 bis 7 Meter Tiefe über muddigen Grund, sammelte Amphipoden und Asseln. Geruhsam machte ich mich dann auf den Rückweg.

Die Sicherheitsleine sah ich nicht mehr, spürte auch nichts von ihr und vermutete, sie hätte sich von mir gelöst. Nach ihr suchend, blickte ich mich um und bemerkte in der Ferne einen dunklen Schatten. Nanu, war hier ein weiterer Taucher im Wasser? Nein, die Silhouette einer Robbe konnte ich schemenhaft erkennen. Man begegnet ihnen nicht so oft und auch jetzt war sie bald wieder aus meinem Blickfeld verschwunden. Da sie mich leider gewahrte, würde die Robbe kaum wieder erscheinen. Robben scheuen unter Wasser die Nähe des Menschen. Etwa 200 Meter sind es noch bis zum Ufer. Ich trödle über den Grund nach Hause zurück. Doch dann erblicke ich die Robbe näher. Sie umkreist mich viel dichter als beim ersten Mal mit eleganten Schwimmbewegungen, besitzt einen riesigen, glatten dunklen Körper mit großen Potschelflossen, einen Respekt einflößenden mächtigen Kopf und märchenhaft große, weit aufgerissene Augen. Ihr herrlich geflecktes Fell fällt mir auf. Ein riesiger Seeleopard interessierte sich für mich! In zunächst weiten, doch zunehmend engeren Kreisen umschwimmt er mich. Ich erschrecke furchtbar!

Aus der Literatur weiß ich, dass bisherige Begegnungen zwischen Leopardenrobben und Tauchern nicht immer harmlos verlaufen sind. Wie wird dieses Tier reagieren? Verschiedene Beschreibungen schießen mir durch den Kopf. Während Shackletons Südpolarexpedition war einer seiner Männer auf dem Eis von einem Seeleoparden verfolgt worden.

Ein amerikanischer Pinguinspezialist schilderte den Angriff eines dieser Meeresraubtiere. Er stand neben einer breiten Spalte auf dem Meereseis, als plötzlich neben ihm eine Leopardenrobbe aus dem Wasser tauchte und nach seinem Bein schnappte. Mehrere Revolverschüsse vertrieben den Angreifer, der drei Tage später in Stationsnähe durch eine Gewehrkugel erlegt wurde. Möglicherweise hatte der Seeleopard in dem Menschen einen überdimensionalen Pinguin gesehen. Pinguine gehören zu seiner Vorzugsbeute. Unter Wasser ist es sicherlich seine ganz normale Neugier, die ihn treibt, ein unbekanntes Lebewesen näher zu betrachten, dass in sein Revier eindringt.

In den Sechzigerjahren arbeiteten sowjetische Wissenschaftler in der Nähe der Station Mirny unter Wasser. Ein Mitglied der Gruppe hatte das besondere „Glück“, fast regelmäßig bei seinen Einstiegen einem Seeleoparden zu begegnen. Obwohl sich die Robbe keinesfalls aggressiv zeigte, zog es der Taucher in diesen Fällen vor, das Wasser mit klopfendem Herzen schnellstens wieder zu verlassen.

Da ist aber auch der Bericht eines Engländers: Er beschrieb mir recht anschaulich, wie er mit seinen Kameraden unter Wasser arbeitete, als plötzlich ein Seeleopard erschien, der seinem Tauchkameraden einen so heftigen Ramm stoß gegen den Kopf versetze, dass der Taucher die Besinnung verlor und aus dem Wasser transportiert werden musste. Ein anderer Taucher berichtete von einem Seeleoparden, der sich ihm genährt hatte und vorsichtig seinen durch den Taucheranzug nur unzugänglich geschützten Arm, wie zum Abschmecken zwischen die mächtigen Kiefer nahm. Offensichtlich war die Geschmacksprobe negativ ausgefallen, denn der Taucher konnte uns davon berichten.

Ich weiß auch, dass Seeleoparden andere Robben anfallen. Schon Filchner beschrieb die Funde großer Stücke Robbenfleisches in den Mägen solcher Meeresraubtiere. Drei Franzosen teilten uns ihre Verwunderung mit, in einem erlegten Seeleoparden statt der erwarteten Pinguinreste nur riesige Stücke von Robbenfleisch gefunden zu haben. Ein von uns für parasitologische Untersuchungen zerlegtes, etwa 3,5 Meter langes Exemplar zeigte ähnliche, nicht grade beruhigende Befunde. Und die vom Seeleoparden erbeuteten Robben sind wesentlich größer als ich … Inzwischen wurde der tödliche Unfall einer englischen Schnorchlerin gemeldet, die in Rothera von einem Seeleoparden attackiert wurde. Doch das geschah erst nach meinem Abenteuer mit „Leo“!

Immer enger werden seine Kreise. Fotografieren kann ich ihn nicht. Die Kamera ist auf nächste Nähe eingestellt. Eines seiner großen Augen bekäme ich aufs Bild, doch der Film ist ja schon verschossen. Kamera und Kescher nehme ich in eine Hand, mit der anderen bekomme ich das Messer unter Mühen aus der Scheide gezogen. Ich gebe das Notsignal: 5 Züge an der Leine! Hans zieht die Leine ein. Keine drei Meter entfernt streckt Leo seinen riesigen Kopf aus dem Wasser und sieht zu mir herüber. Nur unter dem Treibeis komme ich wieder ans Ufer zurück. Nun versuche ich, zwischen den Eisschollen wieder nach unten zu kommen. Es ist zu viel Luft im Anzug. Wild strampeln dabei meine Beine über dem Eis in der Luft. Da Leo auch abgetaucht ist, vermutet Hans, er hätte mich schon beim Wickel. Wie mir Hans später erzählt, kreisten Möwen über der Szenerie, deren Schwarm sich ständig vergrößerte. Sie rochen offensichtlich den Braten! Die Leine hat sich um meine Beine gewickelt. Ich versuche, sie wieder in eine vernünftige Lage zu bringen, um nicht mit den Füßen voran durchs Wasser gezogen zu werden. Der Seeleopard zieht immer engere Kreise. Inzwischen hat er sich fast auf Tuchfühlung genähert.

Ich stoße mein Messer in Richtung eines Auges. Ich will ihn beileibe nicht verletzen, möglicherweise einen Angriff provozieren, nein nur zeigen, dass ich mich auch wehren kann. Er kneift das Auge vor meiner Messerspitze zu und zuckt ein Stück zurück, will nicht getroffen werden. Immer heftiger atme ich. Meine Atemluft geht zur Neige. Ich öffne die Reverse. Die zunehmend entleerten und damit leichter werdenden Pressluftflaschen ziehen mich nach oben. Ich habe keine Hand zum Austarieren frei, kann das Auslassventil nicht bedienen und dadurch den Anzug nicht entlüften. Nur so würde ich wieder absinken. Verzweifelt kämpfe ich mit dem Auftrieb. Sowie ich in Oberflächennähe gerate, nimmt mir das Treibeis jede Sicht, dann kann ich die schwarze gefleckte Gestalt nicht mehr sehen. Mein Atmen wird schwieriger. Ich brauche immer mehr und bekomme immer weniger Luft. Die Reverse versiegt, die Tauchflaschen sind leer. Ich jongliere meinen Kopf durch die Eisschollen, reiße mir die Maske vom Gesicht und brülle Hans ein „Rausziehen“ zu. Hans zieht mich im Schneckentempo zum Ufer.

Die Funker arbeiten mit unserm Aerologen in der Nähe an den Antennen. Auch der Stationschef Janes kommt zufällig des Weges. Hans schreit um Hilfe. „Pomogij“. Die Russen werden aufmerksam, unterbrechen ihre Arbeit und kommen langsam angeschlendert. Endlich begreifen sie, dass mein Kollege es ernst meint, und helfen Hans. Wie wild ziehen sie mich an der Leine aus dem Wasser. Das heißt, da die Leine unter dem Treibeis hindurchgeht, werde ich immer wieder unter Wasser gezogen. Mit leergeatmetem Tauchgerät und ohne Maske unter dem Eis muss ich versuchen, solange ich es aushalte, ohne Atmen auszukommen. Dann geht es nicht mehr, mit Mühe kann ich mich zwischen den Schollen hindurch an die Luft arbeiten und Stopp brüllen. Ich habe Wasser geschluckt und bin wahrscheinlich nahe an einem Stimmritzenkrampf, vor dem ich einen heillosen Respekt besitze. Einmal dran fast erstickt hat mir gereicht! Doch ich überlege, dass Seewasser in der Lunge vielleicht physiologisch nicht so sehr gefährlich sein mag und unser Arzt mir vielleicht wieder auf die Beine helfen kann.

Ich gebe ein Zeichen und tauche unter. Die Zieherei geht weiter. Immer wieder muss ich Stopp signalisieren, weil ich unter das Eis gezogen werde. Immer wieder schlucke ich Wasser. Eine Flosse rutscht mir vom Fuß, und als ich danach greifen will, verliere ich auch meine über den Arm gehängte Kamera. Ohne Maske sehe ich weder die verlorene Kamera, noch die abgerutschte Flosse. Unter mir zieht sicher Leo irgendwo seine Kreise, die immer enger werden. Ich bemerke davon nichts – kann es nur vermuten. Das Eis bremst stark, ich komme kaum vorwärts. Endlich ertaste ich mit meiner verbliebenen Flosse Grund. Noch ein Stückchen und ich kann stehen. Mich vom Boden abstoßend unterstütze ich die Zugbewegung, indem ich mich gegen das Eis schiebe. Dicht neben mir reckt sich ein klosettdeckelgroßer, runder schwarzer Kopf aus dem Wasser. Mit seiner weit unter seine Augen reichenden geschlossen aber deutlich sichtbaren Maulspalte scheint Leo mich anzugrinsen. Noch 15, dann nur noch 10 Meter. Endlich durchpflüge ich den knietiefen Eismatsch am Ufer.

Die Kollegen ziehen mich aus dem Wasser. Wollen mich herausziehen. Ich bin zu schwer! Tauchgerät, Bleigurt, Fußgewichte. Die Taucherleine hat alles zu einem scheinbar unentwirrbaren Knäuel verfitzt. Mich in der Eissuppe wälzend versuche ich, die Gerätschaften abzulegen. Hans nimmt mir kopfschüttelnd den sogar einigermaßen gefüllten Sammelkescher aus der Hand. Mit einer Schnur hatte ich ihn am Handgelenk festgebunden und deshalb nicht verloren. Ich keuche ihm zu, dass nur meine Luft zu Ende und kein Seeleopard im Spiel war. Er scheint mich sofort zu verstehen; denn er ahnt, niemals würde uns der Stationschef wieder tauchen lassen, erführe er den wahren Sachverhalt. Bis auf Hans hatte niemand mitbekommen, was eigentlich geschehen war. Nur er hatte den Seeleoparden bemerkt und sich seinen Reim darauf gemacht. Er war kurz vor dem Verzweifeln und sah Rita schon als Witwe.

Endlich ist alles abgelegt. Noch völlig außer Puste sitze ich auf der knapp einen Meter hohen Eisbarriere. Immer noch hustend komme ich allmählich wieder zu mir. Die Russen nahmen nun an, ich wäre mit dem Eis nicht zurechtgekommen und Janes, unser Stationschef, wies mich noch einmal drauf hin, bei gezogener Reverse müsse man sofort den Taucheinsatz beenden. Ich versprach es ihm für die Zukunft. Wir können nichts über die tatsächliche Begebenheit berichten, sonst ließ er uns nie wieder ins Wasser.

Wie Recht ich mit meiner Annahme hatte, erwies sich später, als ich mich von ihm verabschiedete und Monate später die Heimreise antrat: „Alexander Waldemarowitsch, erinnern Sie sich daran, als die Kollegen mich aus dem Wasser zogen und meine Atemluft verbraucht war? Die Ursache war gar nicht das leere Tauchgerät. Es war ein Seeleopard, der sich für mich interessierte!“ „Das hätten Sie mir aber sagen müssen“, meinte der Stationschef, „ich hätte Sie nie wieder zum Tauchen ins Wasser gelassen!“ „Ja“, antwortete ich schmunzelnd, „deshalb haben wir es ja auch verheimlicht.“


Forschungsreisen:

 

1969-1970 Indischer Ozean/Rotes Meer

1980-1982 und 1984-1986 Überwinterung auf der Antarktisstation Bellingshausen

1989-1990 Saisonaufenthalt in Bellingshausen

1991 Expedition nach Spitzenbergen

1991 Expedition nach Franz-Josephs-Land und Novaja Semlja

1992 6 Monate auf argentinischer Antarktisstation Jubany

1993 Expedition nach Deception Island und zur Antarktischen Halbinsel

1994 Expedition ins Magellangebiet und um Kap Horn

1995 Expedition in die Magellanstraße und den Beagle Kanal

1996 Expedition in die Weddellsee

1996 und 1997 Expedition ins Magellangebiet von Porto Natales bis Puerto Montt, bzw. von Puerto Montt bis Punta Arenas

1998 und 2000 Expedition in die Weddellsee

2002 Expedition über den Scotia-Bogen in die Antarktis

2003-2004 Expedition in die Weddellsee


Martin Rauschert während der Antarktisüberwinterung (1985)


Dr. Martin Rauschert veröffentlichte eine Vielzahl wissenschaftlicher und populärwissenschaftlicher Abhandlungen, z.B. „Mein erstes Wort war Pinguin“ und „Tauchen im Eismeer – Überwinterung in einer russischen Antarktisstation“. Er steht dem Tauchsportklub Adlershof noch heute sehr nahe, u. a. über die Treffen der „Alten Karpfen“.


Martin Rauschert (rechts) übergibt Museumsdirektor Otmar Richter (links) Bücher "Tauchen im Eismeer" und "Antarktis"

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