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Tauchgeschichte: Tauchen als Wettkampfsport

Aktualisiert: 26. Dez. 2023

Das Tauchen als Wettkampfsport war seit Ende der 1950er Jahre ein fester Bestandteil des internationalen Sportbetriebes. In der DDR wurden als Leistungssport vor allem Flossenschwimmen/Streckentauchen und Orientierungstauchen betrieben. Es gibt eine Unterteilung in Flossenschwimmen mit Schnorchel (FS), Streckentauchen mit Pressluftflasche und Atemregler (ST) und die 50 m-Apnoe-Disziplin, bei der weder Schnorchel noch Flasche verwendet werden dürfen. Die Wettkämpfe finden in einer Schwimmhalle statt. Im Gegensatz dazu wird das Orientierungstauchen im Freigewässer ausgeübt. Ziel dieser in den 1950er Jahren von Kampfschwimmern in der Sowjetunion entwickelten Sportart ist es, möglichst schnell und präzise Orientierungspunkte (Bojen) in einer vorher bestimmten Reihenfolge unter Wasser in einer Tiefe von ca. zwei Metern zu umrunden bzw. anzutauchen. Beginnend Mitte der 1960er Jahre hatten die Tauchsportler der DDR innerhalb weniger Jahre ihre Leistungen im nationalen und internationalen Maßstab stetig verbessert und waren zur Weltspitze aufgestiegen.

 

Wettkampffläche in Potsdam, 1974 (Foto: Dr. H. Wolff)


Höhepunkt auf politischer und organisatorischer Ebene für die Funktionäre des Tauchsportklubs der DDR war die Vergabe der VII. Europameisterschaft im Flossenschwimmen und Streckentauchen vom 21. bis 24. August 1974 nach Potsdam. Erstmals konnte in der Deutschen Demokratischen Republik eine Europameisterschaft im Tauchsport ausgerichtet werden. Für die beteiligten DDR-Sportler wurde diese Europameisterschaft zu einem triumphalen Erfolg. Mit 6 Gold-, 15 Silber- und 7 Bronzemedaillen hatte es die DDR-Mannschaft geschafft, die bisher ungebrochene Dominanz der Sowjetunion anzukratzen. Das war nie zuvor einer anderen Mannschaft in dieser Sportart gelungen. Ganze Seiten der Tageszeitungen und Sendungen in Rundfunk und Fernsehen informierten euphorisch über das Geschehen in der Schwimmhalle am Brauhausberg in der Havelstadt. "Gold mit Weltrekord" titelten die Tageszeitungen - "Gold für Sabine".


Flossenschwimmer am Startblock, Potsdam 1974 (Foto: H. Wolff)


Das eigentliche Novum charakterisierte Kurt Zentgraf, damals Übungsleiter der Arnstädter Tauchsportler, mit den Worten: "Ein Durchbruch auch in die Kreise des Sports, für die Tauchsport bisher fast ein Fremdwort war."

 

Es ist allgemein bekannt, dass man in der ehemaligen DDR die innen- und außenpolitische Bedeutung des Sports erkannt hatte. Sport war populär, schuf Vorbilder und Identifikationsmöglichkeiten, diente der Gesundheit und sprach Menschen an, die sich nach einem Stückchen Freiheit sehnten. Nach außen konnte der Sport für Aufsehen sorgen, gerade für einen zunächst kaum beachteten, jungen eigenständigen Staat. Durch sportliche Spitzenleistungen konnte internationale Anerkennung erlangt werden und so spielten in der Sportpolitik der nach internationaler Reputation strebenden DDR Prestigefragen und eine einseitige Orientierung auf den Leistungssport eine dominierende Rolle. Aufgrund der knappen Mittel und Ressourcen konzentrierte man sich auf die intensive und gezielte Pflege vor allem solcher Sportarten, in denen auf internationaler Ebene Erfolge möglich waren.

 

Der Tauchsport gehörte nicht zu den besonders geförderten Sportarten. Erschwerend kam hinzu, dass Tauchen als technische Sportart unter dem Dach der "Gesellschaft für Sport und Technik" mehr der vormilitärischen Ausbildung als dem internationalen Wettkampfsport diente. Damit war der Tauchsport der DDR im Rahmen der bestehenden Organisationsstruktur für den internationalen Wettkampfsport kompromittiert. Was war hier bis zur Europameisterschaft im Jahr 1974 passiert? Wie konnten die dort erreichten beeindruckenden sportlichen Ergebnisse innerhalb nur weniger Jahre erzielt werden?

 

Es liegt vielleicht in der Natur der Dinge, dass in sozialistischen Ländern wie der DDR die technischen Sportarten deutlich stärker verbreitet waren als in anderen Ländern und damit die sportliche Breitenwirkung sehr gute Leistungen hervorbringen konnte. Zur Beantwortung der Frage nach der Ursache von Spitzenleistungen kommt man aber eigentlich an der Charakterisierung der Sportpolitik in der DDR nicht vorbei. Dabei war die Einbindung in internationale Gremien immer ein vorrangiges Ziel der Sportpolitik der DDR, um Einfluss auf die Entwicklung des internationalen Wettkampf- und Leistungssports nehmen zu können. Im Tauchsport führte dies Mitte der 1960er Jahre zur Gründung des Tauchsportklubs der DDR und seiner Aufnahme als vollwertiges Mitglied in den Tauchsport-Weltverband CMAS 1967. Eine zweite Säule war die Gründung von Leistungszentren, die flächendeckende sportärztlichen Betreuung und die Einführung eines landesweiten einheitlichen Sichtungs- und Auswertungssystems (ESA). Typisch für die technischen Wettkampfsportarten wie auch das Tauchen, kam Mitte der 1970er Jahre die intensive Entwicklung leistungsunterstützender Technologien als dritte Säule des Erfolgs hinzu.

 

Im Zuge unserer Recherchen über das Sportsystem der DDR hatten wir das Glück drei Persönlichkeiten treffen zu können, die der Entwicklung des Tauchsports der DDR Hervorragendes geleistet haben. Wir trafen den Physiker Dr. Helmut Wolff, den Mediziner Prof. Dr. Gernot Badtke und den Ingenieur Horst Pastor, die über die damalige Zeit und ihre Arbeit berichteten.


Quelle: Roger Blum/Steven Blum: Schwerelose Zeiten - Tauchererinnerungen, Berlin (2020)



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