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Der Organisator - Interview mit Jürgen Schmidt

Der gelernte Elektroingenieur Jürgen Schmidt, Jahrgang 1936, begann 1956 seine Tätigkeit beim Deutschen Fernsehfunk (DFF). Nach der Qualifikation vom Beleuchterhelfer zum Oberbeleuchter erwarb er im Abendstudium den Facharbeiterbrief als Fotograf. Nach dem Studium an der Betriebsakademie des Fernsehens, war er bis zur Abwicklung des Staatlichen Komitees für Rundfunk und Fernsehen der DDR im Jahr 1991 als Kameramann tätig. Im Jahre 1956 hatte Jürgen Schmidt im Deutschen Fernsehfunk (DFF) in Berlin-Adlershof einen Zirkel für Unterwasserfilm und –fotografie gegründet.  Hier liegen die Wurzeln des Tauchsportklubs Adlershof.


Jürgen Schmidt mit Tauchgerät (1954)

 

R.B.: Lieber Jürgen, was war der ausschlaggebende Punkt für die Gründung des Zirkels für Unterwasserfilm und –fotografie?

 

J.S.: Der Heinitzsee, ein 1914 gefluteter ehemalige Kalksteinbruch in Rüdersdorf bei Berlin, war das ideale Revier für unsere ersten Tauchversuche mit selbstgebauten Tauchgeräten. Das war Anfang der 1950er Jahre. Aber nicht nur dort. Auch zur Ostsee unternahmen wir eine erste Tauchexpedition, bei der wir im Auftrag der "BZ am Abend", einer Berliner Abendzeitung, Film- und Fotoaufnahmen von den Wracks der im 2. Weltkrieg versenkten Schiffe herstellten. Ein 12-teiliger Bericht über unsere Tauchabenteuer erschien 1954.

1955 wurde – eben in dieser Zeitung, die Öffentlichkeit darüber informiert, dass „wilde Taucher“ in den Gewässern der unkontrollierten Unterwasserjagd nachgingen, sich keiner Organisation zugehörig fühlten und sich somit außerhalb der Legalität bewegten. Auch wir - die kleine Gruppe um Helmut Keßner - waren ja „wilde Taucher“.

 

R.B.: Welche Bestrebungen gab es, die „wilden Taucher“ zu organisieren?

 

J.S.: Diese Veröffentlichung in der Zeitung löste eine heftige Diskussion aus und in den Zuschriften wurden die verschiedensten Möglichkeiten zur Organisierung der „wilden Taucher“ angesprochen. So erschien auch ein Artikel von meinem Tauchfreund Kurt Mallwitz in der Zeitschrift „Fischen und Angeln“ mit dem Titel „Unterwassersportler wollen in den DAV – den Deutschen Anglerverband“. Vielleicht erhoffte sich Kurt eine Art „Harpunierschein“, ähnlich dem Angelschein.

Nun, die Unterwasserjagd mit der Harpune war in den Anfangsjahren des Tauchens noch weit verbreitet und die Angler betrachteten uns zu dieser Zeit als Wilddiebe und Fischräuber (lacht). Du kannst dir sicher vorstellen, wie „herzlich“ die Begegnungen waren, wenn wir am Ufer eines Sees zusammentrafen. Es war aber nicht das Jagdfieber, das uns zur Harpune greifen ließ. Es war der Hunger. Und so brutzelte unsere Beute dann stets am Lagerfeuer.

Ich empfand die Jagd mit der Harpune – Auge in Auge – immer als ehrliches Duell zwischen Fisch und Taucher gegenüber den hinterhältigen Fangmethoden der Angler.

Nachdem sich die Lebensmittelversorgung in den Nachkriegsjahren der DDR deutlich verbessert hatte, fanden wir es dann weitaus interessanter, die vielfältige Unterwasserwelt auf Film und Foto festzuhalten. Deshalb tauschten wir die Harpune mit der Kamera.

Im Ergebnis der Diskussion über die „wilden Taucher“, ob nun DAV oder Kulturbund, wurde schließlich eindeutig für die Organisierung in der GST plädiert.

 

R.B.: Wurdet ihr in die Gesellschaft für Sport und Technik integriert?

 

J.S.: Deine Frage möchte ich zunächst mit „Nein“ beantworten. Die Gesellschaft für Sport und Technik, kurz GST, bot mit der Parole „Bereit zur Arbeit und zur Verteidigung des Friedens“ eine breite Palette sportlicher Betätigungsmöglichkeiten den Jugendlichen an. So zum Beispiel Motorsport, Motorwasserspot, Flugsport, Funksport, Schießsport und Seesport. Der eigentliche Auftrag der GST aber war, die Jugendlichen vermittels dieser wehrsportlichen Disziplinen auf den Dienst in der Nationalen Volksarmee bzw. Volksmarine vorzubereiten und vormilitärische Kenntnisse zu vermitteln.

 

Die Funktionäre der GST hatten die überraschende Entwicklung des Tauchsports in der DDR verkannt und vertraten die Auffassung, mit der Einordnung der – wie sie glaubten – geringen Anzahl tauchsportinteressierter Jugendlicher in die Seesportsektionen der GST eine Lösung des Problems „wilde Taucher“ gefunden zu haben. Der Leiter des Fachgebietes Seesport beim Bezirksvorstand der GST in Berlin verwies in seinem Zeitungsbeitrag darauf, dass den Tauchern in den Seesportsektionen alle Möglichkeiten zur Entfaltung ihres Sportes gegeben seien. Diese Einordnung rief – wenngleich anfangs noch zaghaft - den Widerstand der Taucher hervor. Einen Widerstand, der sich noch verstärken sollte, als Taucher in den Seesportsektionen vorstellig und mit den Worten empfangen wurden: „Wenn ihr Knoten, Winken und Kutterrudern erlernt habt, dann könnt ihr bei uns mitmachen!“.

Die Forderung der Tauchsportler, wenn schon eine Organisierung in der GST unumgänglich sei, dann wollten sie nicht in den Seesport eingebunden, sondern von erfahrenen Tauchsportlern angeleitet und vertreten werden, die ihre Probleme auch kennen und lösen können. Diese Forderungen wurden nicht erfüllt und so blieb das Problem der „wilden“ Taucher vorerst ungelöst.

 

Jürgen Schmidt im Schwammgummi-Tauchanzug

 

R.B.: Wie ging es weiter?

 

J.S.: 1956 – ein Jahr nach der ergebnislosen Diskussion über die Organisierung der Tauchsportler, hatte ich mich im Deutschen Fernsehfunk in Berlin-Adlershof beworben und war als Beleuchter eingestellt worden. Bei der Einstellung musste ich mich mit dem obligatorischen Laufzettel in den verschiedenen Abteilungen vorstellen, so auch bei der FDJ des Fernsehens.

Walter Fischer, dem 1. Sekretär der FDJ-Grundeinheit, hatte ich auf seine Frage nach meinen Freizeitaktivitäten meine vielfältigen Taucherlebnisse geschildert. Er war begeistert. Ihm schwebte vor, einen Tauchzirkel in der FDJ zu bilden. Es gab ja schon einen Literatur- und einen Fotozirkel.

Walter Fischer trug seine Idee dem Zentralrat der FDJ vor, der seinen Sitz im „Haus der Jugend“ in der Straße Unter den Linden in Berlin-Mitte hatte. Erich Honecker, der ehemalige Vorsitzende des Zentralrats der FDJ, war zufällig Gast seines Nachfolgers an der Spitze der Jugendorganisation und zeigte kein Verständnis für Walter Fischers Idee. Er wurde mit dem Hinweis darauf, dass ein Gesetz in Vorbereitung sei, wonach das Tauchen nur noch in der Gesellschaft für Sport und Technik erlaubt sei, wieder nach Hause geschickt. „Wozu dann noch einen Taucherzirkel in der FDJ bilden?“ hatte Erich Honecker gefragt.

Das Gesetz, welches das Tauchen außerhalb der GST endgültig untersagte, wurde übrigens erst neun Jahre später – am 24. April 1965 – erlassen.

Wenige Tage nach dem so enttäuschenden Gespräch im Zentralrat war ich wieder bei Walter Fischer im Sekretariat der FDJ. Ich hatte mir inzwischen so meine Gedanken gemacht.

Wenn die da oben keinen Tauchzirkel in der FDJ erlauben, sagte ich zu Walter Fischer, was hälst du davon, wenn wir einen Zirkel für Unterwasserfilm und –fotografie bilden? Was liegt näher, wenn in einem Betrieb wie dem unseren, in dem Film und Fernsehen produziert wird, nicht auch eine Gruppe existiert, die sich speziell mit der Herstellung von Unterwasseraufnahmen befasst? Walter Fischer war begeistert. Dafür halte ich meinen Kopf hin, auch ohne den Segen des Zentralrates, hatte er zu mir gesagt und herzhaft gelacht.

Mit der Bildung des Zirkels für Unterwasserfilm und –fotografie unter der Leitung der FDJ war ein Weg gefunden worden, der die leidige Diskussion zu den Problemen der „wilden“ Taucher für uns eindeutig beendete. So wurden die Taucher um Helmut Keßner zunächst Mitglieder der FDJ und bildeten den harten Kern des Zirkels.

 

R.B.: In Berlin gab zu dieser Zeit bereits eine in der GST organisierte Tauchergruppe um Fritz Reußrath. Hattet ihr Kontakte zu dieser Gruppe?

 

J.S.: Ja, es gab Kontakte. Bevor ich darauf näher eingehe, möchte ich etwas zur Struktur der GST sagen. Sie war als Grundorganisation in den volkseigenen Betrieben angeschlossen und ihr wurde in den sogenannten Betriebskollektivverträgen ausreichende finanzielle Mittel zur Verfügung gestellt. Es ging ja um den Auftrag, die Jugendlichen auf die Landesverteidigung vorzubereiten. Als Ausbilder übernahmen zumeist Reservisten der Nationalen Volksarmee die Ausbildung der Jugendlichen.

Nun zur FDJ.

Auch sie war in den Betrieben als Grundeinheit organisiert und erhielt übrigens nicht diese Form der Unterstützung. Ihr Auftrag war ja auch „nur“ die Erziehung der Jugendlichen zu sozialistischen Persönlichkeiten mit dem Wissen von Marx, Engels und Lenin.

Nun zu den Kontakten: Im Frühjahr des Jahres 1957 unterbreitete mir der Leiter der GST-Tauchergruppe, die in der Berliner Klosterstraße im „Haus der jungen Talente“ ihren Sitz hatte, das Angebot, mich mit meinen Tauchern an einer Höhlentauchexpedition zu beteiligen. Ihr Leiter, Fritz Reußrath, hatte von unserem Unterwasserfilm und –fotozirkel erfahren und schlug vor, die Taucheinsätze in den Höhlenseen der Heimkehle im Südharz mit Filmaufnahmen zu dokumentieren. Wir hätten doch die entsprechende technische Ausrüstung, meinte Reussrath.


Jürgen Schmidt dokumentiert als Kameramann die Höhlentauchexpedition in der Heimkehle

 

GST und FDJ – die beiden Jugendorganisationen erstmals gemeinsam an einem Projekt – das ließ aufhorchen! Diese Höhlentauchexpedition, die im Frühjahr 1958 durchgeführt worden war, stand unter keinem glücklichen Stern. Es kam zu einer Katastrophe, als zwei Taucher bei den Unterwasserfilmaufnahmen in den unterseeischen Höhlenlabyrinthen verschollen waren und später aus einer Lufthöhle gerettet werden konnten. Es würde zu weit führen an dieser Stelle auf diese Tauchexpedition näher einzugehen. Tatsache aber war, dass die FDJ mit ihrer Teilnahme an die Grenzen ihrer Möglichkeiten gestoßen war. Es war ja nicht nur das wir Geld für Quartier und Verpflegung für diese auf 8 Tage konzipierte Expedition benötigten, auch mussten wir Scheinwerfer in der Höhle einsetzen, die Ereignisse auf Tonbandgeräten festhalten und ich sah mindestens 500 Meter 16-mm Filmmaterial als erforderlich an. Übrigens wurde am 1. August 1958 mein Film über diese Expedition vom Jugendfernsehen gesendet. Die Katastrophe mit den zwei vermissten Tauchern und deren Rettung blieb natürlich unerwähnt!

Die Konsequenz war: Walter Fischer, mein FDJ-Sekretär, riet mir, nunmehr meinen weiteren Weg in der GST zu gehen. Es täte ihm furchtbar leid so entscheiden zu müssen. Es sollte für die FDJ ein einmaliger, nicht wiederholbarer Vorgang gewesen sein. Wir hatten uns – sagen wir mal so – durch den Umweg über die FDJ gegen den Vorwurf der „wilden“ Taucherei gewehrt und gleichermaßen den Zwängen einer Mitgliedschaft in der GST entzogen. Nun also doch GST!?

 

R.B.: Das war also das Ende des Unterwasserfilm und –fotozirkels der FDJ?

 

J.S.: Ja und Nein. Der FDJ-Zirkel als solcher war zunächst passee, und der Schritt in die GST nicht ohne Widerspruch. Es gab ein heftiges Sträuben gegen eine Mitgliedschaft und das Argument „Ihr wollt doch weiterhin tauchen“ ließ auch den letzten Kritiker verstummen. Aber – und das möchte ich betonen – die Idee der fotografischen und filmischen Darstellung der Unterwasserwelt blieb erhalten und so wurden die Taucher zunächst Mitglieder der GST in der Grundorganisation des rundfunktechnischen Zentralamtes (RFZ) auf dem weitläufigen Gelände zwischen Glienicker Weg und Rudower Chaussee. Hier war auch das Fernsehen der DDR beheimatet. Hier schlossen wir uns der neugebildeten Grundorganisation der GST um 1977 an. Wir kehrten also dorthin zurück, wo einmal unsere Wiege gestanden hatte und erhielten als Sektion Tauchsport der GST im Fernsehen eine umfassende Unterstützung. So konnten wir unsere zweimaligen Taucherlager pro Jahr am Katjasee mit den neuesten Presslufttauchgeräten von Medizintechnik Leipzig und die Flaschen unserer Tauchgeräte mit einem transportablen Hochleistungskompressor befüllen.

Nunmehr sollten sich meine Worte bewahrheiten, die ich einmal vor über 20 Jahren geäußert hatte, als ich sagte: „Warum soll es im Fernsehen nicht auch eine Tauchergruppe geben, die sich der Herstellung von Unterwasserfilmaufnahmen widmet?“ Tatsächlich beauftragten nun die Redaktionen, die für ihre Produktionen Unterwasserfilmaufnahmen benötigten, uns mit der Herstellung dieser Aufnahmen. Um nur einige Beispiele zu nennen, drehten wir Szenen für „Der Staatsanwalt hat das Wort“ mit Horst Drinda in der Hauptrolle. Wir tauchten ebenfalls mit unseren Kameras in das Schwimmbecken, in dem die DDR-Meisterinnen im Synchronschwimmen ihre Figuren zeigten und übertrugen erstmalig für eine Unterhaltungssendung mit Wolfgang Lippert, bekannt als „Lippi“, Livebilder mit einer UW-Fernsehkamera, deren Gehäuse Helmut Keßner konstruiert hatte.

Du siehst, der ehemalige Zirkel für Unterwasserfilm und –fotografie der FDJ hatte die Zeit überdauert und jetzt seine Bestimmung gefunden.

1989, nach der friedlichen Revolution, hieß es für die Taucher „Auf zu neuen Ufern!“  - das war nicht nur symbolisch gemeint. Und so entschieden die Taucher, ein Jahr später mit dem Titel „Tauchsportklub Adlershof“ als eingetragener Verein, ihren Sport - nein ihren Auftrag, den sie sich einmal als Film- und Fotozirkel der FDJ gestellt hatten - fortzusetzen.

In diesem Jahr nun begeht der „Tauchsportklub Adlershof“ sein 30-jähriges Jubiläum, zu dem ich an dieser Stelle herzlich gratuliere. An den alljährlichen Treffen der „Alten Karpfen“ nehmen noch heute Taucher teil, die einmal den harten Kern des ehemaligen FDJ-Zirkels bildeten. (lacht) Du kannst ja mal ausrechnen, wie alt diese Karpfen heute sind!?

Übrigens gab ich den Vorsitz des „Tauchsportklub Adlershof“ 1990 an Otmar Richter ab.

 

R.B.: Danke Jürgen, dass du dir die Zeit für das Interview genommen hast.


Quelle: Roger Blum/Steven Blum, "Schwerelose Zeiten - Tauchererinnerungen", Berlin (2020)



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