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Die Fischmenschen vom Heinitzsee

Seit Hans Hass Ende der 1940er Jahre die Unterwasserwelt einem breiten Publikum vorstellte, eiferten ihm überall in Deutschland begeisterte junge Leute nach und begannen die heimischen Seen und Flüsse zu erobern. Vor allem der Heinitzsee bei Rüdersdorf vor den Toren Berlins gilt als die Wiege des Tauchsports und der Unterwasserfotografie in der ehemaligen DDR. Aufgrund seiner durchschnittlichen Wassertiefe von dreißig Metern und den hervorragenden Sichtweiten, war der geflutete Kalksteintagebau ein ideales Tauchrevier. Die schroffen, senkrecht abfallenden Bruchwände des nördlichen Ufers, die sich auch unter Wasser fortsetzten, sowie die schräg lagernden Gesteinsschichten der sanft abfallenden, südlichen Uferregion, gaben dem See ein unvergessliches Gepräge. Zu den Tauchenthusiasten der ersten Stunde gehörten Helmut Keßner und Gerhard Steinert. Die beiden jungen Männer begannen Anfang der 1950er Jahre den See zu erkunden.


Helmut Keßner (links) und Gerhard Steinert (rechts)


Um ihre Erlebnisse auf Bild festhalten zu können, kaufte sich Helmut Keßner 1951 für 125 Mark von seinem Lehrlingsgehalt eine Altix 3 Kleinbildkamera. Sogleich begannen sie mit der Konstruktion und dem Bau eines Unterwassergehäuses aus Stahlblech. Es entstand eine der ersten funktionsfähigen Unterwasserkameras der DDR. Fortan erkundeten die beiden Freunde mit Harpune und Kamera den Heinitzsee.


Eines Tages beobachteten sie eine Gruppe Westberliner Taucher, die ein Sauerstoff-Kreislaufgerät mitführten. Es handelte sich um das Modell Dräger 138. Da der Kauf einer solchen Ausrüstung für die beiden unerschwinglich war, fassten sie den Beschluss, ein solches Kreislaufgerät selbst zu bauen. Die theoretischen Grundlagen für das Vorhaben entnahmen sie einem Buch über Tauchertechnik. Eine große Schwierigkeit bestand in der Beschaffung der Materialien. Die erforderlichen Glimmerventile, die ein möglichst widerstandsloses Ein- und Ausatmen ermöglichen sollten, entnahmen sie Wehrmachts-Gasmasken, die noch überall in den Wälder zu finden waren. Die Beschaffung von Faltenschläuchen erwies sich als Problem. Von einem Westberliner Fahrradhändler erwarben sie unzerschnittenes Rohmaterial, das für Fahrradlenkerhandgriffe vorgesehen war. Im Sommer 1952 hatten sie dann auch ihr erstes Eigenbau-Kreislaufgerät fertig gestellt und im Schwimmbad erfolgreich getestet. Die Tauchsaison konnte beginnen!

So oft es ihnen möglich war, fuhren Helmut Keßner und Gerhard Steinert an den See. Im Gepäck hatten sie ihre selbst gebauten Tauchmasken, Harpunen, eine UW-Kamera und natürlich das Kreislauftauchgerät.


Helmut Keßner mit Kreislauftauchgerät


Die anfängliche Zweiergemeinschaft wuchs im August 1952 zu einer kleinen Tauchergruppe heran. Die beiden trafen am Heinitzsee auf drei Oberschüler aus Berlin: Johannis Watermann, Jürgen Schmidt und Peter „Pitt“ Zenthöfer. Die Überraschung war groß als die drei Gleichgesinnten zum ersten gemeinsamen Treffen einen selbstgebauten Taucherhelm mitbrachten. Diesen hatte Johannes Watermann bei einem Schmied anfertigen lassen. Zur Ausrüstung gehörte auch ein langer Gartenschlauch und eine große Luftpumpe aus Messing.


Es kamen immer mehr Jugendliche an den Heinitzsee, die ebenfalls die Begeisterung für die Unterwasserwelt teilten. Einer von ihnen war Peter Scharf, der in der Nähe des Sees wohnte. Er war ein guter Freitaucher und besaß großes Geschick in mechanischen Dingen. Sein besonderes Interesse galt der Tauchtechnik. Nach einigen gemeinsamen Tauchgängen gehörte er mit zum „Harten Kern“ der Gruppe. Die Dachkammer seines Elternhauses in Rüdersdorf wurde zum Treffpunkt der Truppe.


Peter Scharf am Ufer des Heinitzsees


In dieser Zeit weckte ein neuartiges Tauchgerät die Aufmerksamkeit der Gruppe - die Aqualunge. Das von Jacques-Yves Cousteau und Emile Gagnan entwickelte Presslufttauchgerät ermöglichte es, in größere Tiefen vorzudringen. Vom Schrottplatz Weißensee beschaffte Helmut Keßner drei 7 l – Stahlflaschen und begann mit der Konstruktion eines Druckreglers für ein Presslufttauchgerät. Alles Notwendige musste erst erdacht und angefertigt werden. Hierzu waren Gerhard Steinert's Kenntnisse als Feinmechaniker und seine handwerklichen Fähigkeiten gefragt. Im Sommer 1953 war es dann soweit und die ersten Tauchversuche mit dem selbstgebauten Presslufttauchgerät konnten unternommen werden.


Weitere Informationen über die Taucher vom Heinitzsee findet ihr im Buch "Schwerelose Zeiten - Tauchererinnerungen":



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