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Das große Fressen

Riesenhaie vor Schottlands Westküste


Kein Meerestier fasziniert die Menschen derart wie der Hai. Begegnungen mit diesen eleganten Räubern sind nicht nur in tropischen und subtropischen Ländern möglich, auch in den kalten Gewässern Europas sind zahlreiche Haiarten beheimatet. So lebt in den Gewässern um Großbritannien herum der bis zu zwölf Meter lange Riesenhai. Der zweitgrößte Hai der Erde frisst ausschließlich Plankton und ist völlig ungefährlich. Er kommt ab Mai vor Cornwall an und wandert die Küste hinauf zur Isle of Man und den Hebriden. Die Isle of Coll und die Nachbarinsel Tiree an der Westküste Schottlands gelten als der Hotspot für die Beobachtung der gigantischen Tiere.



Im Juli machte ich mich auf den Weg auf die Isle of Coll, um die Haie zu beobachten. Doch mein Vorhaben fiel zunächst buchstäblich ins Wasser. Eine Schlechtwetterfront lag über den Inseln . Also blieb ich auf dem Festland und hoffte auf besseres Wetter. Regen, Niesel, Regen... wenn die Eskimos hundert Wörter für Eis haben, so müssen die Schotten mindestens ebenso viele Wörter für alle Arten von Regen haben. Die Zeit des Wartens nutzte ich für einen Aufstieg auf den Ben Nevis. Der höchste Berg Großbritanniens empfing mich - wie sollte es anders sein - mit Regen, Nebel und Wind. Während ich eingehüllt in wetterfester Outdoorkleidung zum „Gipfelsturm“ antrat, begegnete ich Schotten in kurzen Hosen!


Das Warten auf besseres Wetter nutzte ich für eine Wanderung auf den Ben Nevis


Mit drei Tagen Verzug ging es dann endlich los auf die Isle of Coll. Der Wetterbericht sagte besseres Wetter voraus. Früh um 6 Uhr bestieg ich im schottischen Oban die Fähre. Nach einer knapp zweieinhalbstündiger Fahrt setzte mich die Fähre nebst einer Handvoll weiterer Reisender in Arinagour ab. Das ist der Hauptort der Insel. Genaugenommen handelt es sich um eine Mole, eine Straße mit ein paar Häusern und ein Hotel. In weniger als zehn Minuten ist alles gesehen. Wahrzeichen ist ein Bogen aus Walknochen am Anleger. Mich erinnerte die Insel ein wenig an die Falkland Inseln. Dank des Golfstromes ist das Klima hier gemäßigter als die Lage an der schottischen Westküste vermuten lässt. Coll und Tiree zählen zu den Orten mit den meisten Sonnenstunden in Schottland und im ganzen Vereinigten Königreich.


Blick auf die Bucht von Arinagour


Von Arinagour ging es mit einem kleinen Boot Richtung Süden. Die Guides des Veranstalters Basking Shark Scotland suchten mit dem Fernglas die Wasseroberfläche ab. War das dort eine Haiflosse? Nein, nur ein paar Seevögel. Aber da! Nein, nur eine Robbe. Die Riesenhaie können entlang der gesamten Küste gesichtet werden. Auf Nahrungssuche kommen sie dicht ans Ufer heran und dringen oft in große Buchten ein.


Rückenflosse des Riesenhais


Die zweitgrößten Fische der Welt lieben vor allem einen kleinen strömungsreichen Kanal zwischen Coll und Tiree. Genau dort wollten wir hin. In dem Kanal brauchen die Haie nur ihr riesiges Maul öffnen und das nährstoffreiche Wasser strömt durch ihre Kiemen. Mit weit aufgerissenem Maul schwimmen sie durch das planktonreiche Gewässer und verschlucken die darin enthaltenen Krebse, Quallen und kleinen Fische.


Mit weit aufgerissenem Maul filtern Riesenhaie das Plankton



Wir brauchten gar nicht lange suchen, bis sich der erste Hai blicken ließ. Ich stieg in meinen Trockenanzug und machte mich bereit. Das Boot fuhr näher heran. Die Kunst bestand darin, abzuschätzen, welchen Weg der Hai voraussichtlich schwimmen wird. Aufgrund der teils starken Strömung ist es unmöglich zum Hai hinzuschwimmen. Vielmehr wird der wahrscheinlichste Weg abgeschätzt und die Taucher in einiger Entfernung vor dem Hai im Wasser abgesetzt. Einmal im Wasser hieß es abwarten und gegebenenfalls die Richtung zu korrigieren. Aufgrund der mächtigen Rückenflosse war der Hai nicht zu übersehen. Die Unterwassersicht betrug über 10 Meter. Plötzlich tauchte der Hai auf. Was soll ich sagen: Gigantisch, riesig! Der Körper ist graubraun, stromlinienförmig mit starker halbmondförmiger Schwanzflosse und seitlichem Kiel. Die Schnauze ist schmal und schaut beim Fressen aus dem Wasser. So schnell der Hai aufgetaucht war, so schnell war er wieder verschwunden. Ich hatte gar nicht richtig Zeit, meine Kamera klarzumachen. Also zurück ins Boot und beim nächsten Versuch besser vorbereitet sein.


Hai voraus!



Die folgenden Versuche waren eher ernüchternd. Der Hai änderte stets seine Schwimmrichtung und drehte bereits außerhalb der Sichtweite ab. Es zeigte sich ein zweiter Hai. Ich hoffte, dass dieser weniger scheu war. Aber dieser tauchte ab und verschwand. Ich war schon etwas frustriert, denn ich hatte noch kein brauchbares Bild im Kasten. Auch das kalte Wasser machte sich langsam bemerkbar.



Dann erschien ein wahrer Riese, etwa 7 bis 8 Meter lang. Seine Rückenflosse war weithin sichtbar. Der Hai schwamm direkt auf mich zu und ich konnte das riesige Maul und seine auffällig breiten Kiemenspalten sehen, die sich von der Kopfoberseite bis ganz nach unten erstrecken. Gemächlich zog der Hai nur eine Armlänge entfernt an mir vorbei.




Insgesamt sechs Riesenhaie konnte ich an diesem Tag in dem Kanal zwischen Coll und Tiree beobachten. Das Tauchen ist zwar recht speziell und die Anreise erfordert viel Eigeninitiative und Flexibilität. Doch die Begegnung mit den Riesenhaien entschädigt alles. Dem zweitgrößten Fisch der Erde unter Wasser zu begegnen ist zweifelsfrei ein einmaliges Erlebnis.



Autor/Fotos: Roger Blum

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