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Unterricht im Tauchanzug: Mit Schülern des Cousteau-Gymnasiums in der Türkei

Aktualisiert: 20. Jan.

Im Juni begleiteten Roland und ich eine Gruppe Schülerinnen und Schüler des Philippe-Cousteau-Gymnasiums auf ihrer Projektwoche in die Türkei. Anstatt im stickigen Klassenzimmer über Büchern zu brüten, fuhren die Schüler, die ich zu einem großen Teil bereits von früheren Projektfahrten an den Helenesee kannte, an die türkische Ägäis, um dort ihren Tauchschein zu machen.


Gegen Mitternacht trafen wir auf dem Flughafen Antalya ein und wurden auch sogleich sehr freundlich von Süleyman empfangen. Er ist Inhaber der Hilal Pension, einer einfachen Unterkunft für Rucksacktouristen, die in der kommenden Woche unser Zuhause sein sollte. Nach einer dreistündigen Fahrt erreichten wir das kleine Städtchen Kas. Es liegt an einer schönen Bucht, umrahmt von den mächtigen Ausläufern des Taurusgebirges. Zwar graute schon der Morgen, doch beschlossen wir, auf der Dachterrasse der Pension noch mit einem Efes-Pilsner auf unsere Ankunft anzustoßen. Pünktlich zum Sonnenaufgang schallten die Rufe der Muezzin von den Minaretten der Stadt, was der Atmosphäre einen ganz besonderen Charme verlieh. Eine der drei Moscheen von Kas befand sich unweit unserer Pension. Diejenigen, die jedoch schon geschlafen hatten, wurden dadurch unfreiwillig geweckt. Nachdem Sülo mit uns noch Baden gefahren ist, fielen dann kurz vor sechs Uhr morgens auch die Letzten in einen tiefen Schlaf.


Nach einer viel zu kurzen Nacht und einem ausgiebigen Frühstück ging es dann zur Tauchbasis „Sundiving“. Während die angehenden OWD´ler ihre ersten Theoriestunden erhielten, erkundeten Roland und ich die Stadt. Der erste Tauchgang war für den Nachmittag geplant.


Während der Fahrt zum Tauchplatz frönten wir auf dem Sonnendeck dem gepflegten Nichtstun und genossen die warmen Sonnenstrahlen auf der Haut. Nach etwa 40 min erreichten wird das „Golden Horn“, eine kleinen Bucht, die prima für die Anfängerausbildung geeignet ist. Wo vorher noch Ruhe und Beschaulichkeit das Bild prägten herrschte auf einmal emsiges Treiben. Eine weitere halbe Stunde später war die erste Gruppe der Gattung „Aquaticus Chaoticus“ im Wasser. In etwa 8 Meter Tiefe machten die Schüler Bekanntschaft mit ihrem ersten Hai. Aber Kettenhemden und Käfige brauchten sie nicht, denn es handelte sich vielmehr um eine ca. 2 m lange Skulptur die ein tauchender Künstler für eine Unterwasser-Ausstellung aus einem Marmorblock gehauen hat. Es war der wohl einzige Weiße Hai der türkischen Ägais, der dazu noch handzahm ist! Die wahren „Gefahren“ des Meeres lauerten ganz woanders. So verirrte sich in die Flosse einer Schülerin ein Feuerwurm; eine andere Schülerin machte beim Schnorcheln die unangenehme Bekanntschaft mit einer Feuerqualle. Die Narben waren noch mehrere Wochen später deutlich sichtbar.


Am nächsten Tag ging es gleich nach dem Frühstück zum Tauchen. Wir ankerten auf einem ziemlich flachen Riff. Nur wenige Meter vom Ankerplatz befanden sich Teile eines alten Schiffwracks. Abgesehen von den Ruderbooten im Helenesee war es für die meisten Schüler ihr erstes Wrack. Während sie dort ihre Übungen praktizierten, tauchten Roland und ich gegen die Strömung in einen steilen Canyon. Wir mussten eine ziemlich lange Strecke gegen die Strömung ankämpfen, bis wir den Abbruch erreichten, aber die Mühe lohnte sich. Über einen schmalen Einstieg ging es entlang den bewachsenen Wänden in eine Tiefe von 45 Metern. Wir tauchten entlang des Kamins direkt auf ein großes Wrack zu. Es handelte sich um die Überreste eines griechischen Baumwollfrachters, der hier in den fünfziger Jahren beim Aufprall auf das Riff zerstört wurde. Das Heck und ein Teil der Aufbauten sind noch einigermaßen erhalten. Neugierig, aber immer auf Abstand bedacht, beäugten uns kapitale Zackenbarsche. Beim Aufstieg durch den Kamin betauchten Roland und ich noch eine kleine Grotte.


Auch bei den nächsten Tauchgängen wurde uns viel geboten: Zackenbarsche, Oktopusse, Nacktschnecken und Barrakudas, sowie mehrere Wracks und immer wieder antike Amphorenfelder. An einem Tag sahen wir vom Boot aus sogar drei Delphine. Absolute Tauchattraktion von Kas sind jedoch die Überreste eines dreimotorigen Torpedobombers aus dem Zweiten Weltkrieg. Der Tauchplatz trägt den bezeichnenden Namen „Flying Fish“. Allerdings liegt das Flugzeug in einer Tiefe von 61 Metern. Deshalb dürfen nur Taucher mit mindestens einhundert im Logbuch eingetragenen Tauchgängen hinab zum Flugzeugwrack. Leider erlaubten uns die Tauchguides nicht ganz bis zum Flugzeug abzutauchen, so dass wir ein paar Meter über dem Wrack – aber immerhin auf 57 Metern – stehen blieben, um es von oben zu betrachten.


An unserem einzigen tauchfreien Tag unternahmen wir einen Ausflug zum Naturwunder von Saklikent. In der mehreren Kilometer langen und über 100 m hohen Schlucht tasteten wir uns an Felswänden entlang durch enge Passagen, wateten durch hüfthohes eiskaltes Wasser und veranstalteten regelrechte Schlammschlachten. Von Kopf bis Fuß „verschlammt“ überkletterten wir große Steinblöcke und gelangten nach und nach in den engeren Teil des Canyons bis wir an einer hohen Felsbarriere umkehren mussten. Eine anschließende Raftingtour rundete den erlebnisreichen Tag in Saklikent ab.


Der folgende Tag war wieder ganz dem Tauchen gewidmet. Roland und ich tauchten am „Hundertjährigen Wrack“, einem von großen Amphoren umgebenen Holzwrack, wo wir zwischen den Holzplanken eine Muräne, eine Leopardennacktschnecke und einen Oktopuss aufstöberten. Währenddessen tauchten die Schüler in flacheren Regionen über große Steckmuschelfelder und übten anschließend sowohl den kontrollierten Notaufstieg als auch das bei ihnen besonders beliebte Ausblasen der Maske. Abends ging es zum Nachttauchen; anschließend wurde auf dem Tauchboot gegrillt.


Allmählich neigte sich die Projektwoche dem Ende zu. Die Abschlussprüfung ist von allen Schülern hervorragend gemeistert worden, doch um aus ihnen richtige Taucher zu machen bedurfte es noch dem wichtigsten formalen Akt: der Tauchertaufe. Mit Maske auf dem Gesicht und Schnorchel im Mund knieten alle sieben Schüler auf der Taucherplattform. Hinter ihnen stand die gesamte Crew und flößte den Täuflingen durch den Schnorchel das „geweihte“ Deko-Bier ein, welches nicht immer seinen bestimmungsmäßigen Platz im Magen fand. Mit überschwänglicher Freude bedankten sich die Schüler bei ihren Tauchlehrern und bei ihrer Lehrerin Frau Eibner, die diese Reise organisiert hatte.


Leider gehen aber auch die schönsten Dinge im Leben irgendwann einmal zu Ende und so hieß es für uns nach einer erlebnisreichen Woche wieder Abschied nehmen. In diesem Sinne bis zur Projektwoche im nächsten Jahr!


(Erstveröffentlichung in „Adlershofer Flossenblätter“ Ausgabe 52/2003)

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